Auf den Korridoren der verlorenen Schritte

Egal, auf welche Art und Weise und in welchem Alter es passiert, sein eigenes Kind zu verlieren ist das Schlimmste, das einem als Mutter oder Vater passieren kann. Diese schmerzliche Erfahrung hat Isabel Allende machen müssen. Als ihre Tochter schwer erkrankt, schreibt sie ihren großen Lebensroman, der Tochter zur Erinnerung und sich selbst zur Tröstung.

„Mein Herz erstickt in Sand, die Traurigkeit ist eine dürre Wüste“, beschreibt die chilenische Autorin das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit angesichts des Zustands ihrer Tochter. Doch sie gibt nicht auf, klammert sich an jeden Strohhalm, der ihr Aussicht auf Heilung gibt, so wie es jede Mutter, jeder Vater tun würde. Der Roman ist ihr persönlichstes und intimstes Werk. Darin offenbart sie nicht nur ihre Verzweiflung und Hoffnung, sie erzählt auch gleichzeitig ihre Familiengeschichte, Vorlagen ihrer Romane „Das Geisterhaus“, „Von Liebe und Schatten“ oder „Eva Luna“.

Besonders berühren mich die Stellen, die ihre Aufenthalte im Krankenhaus auf den langen „Korridoren der verlorenen Schritte“ beschreiben: „Ich habe das Maß für die Zeit verloren in diesem weißen Gebäude, wo das Echo regiert und es niemals Nacht wird. Die Grenzen der Wirklichkeit haben sich aufgelöst, das Leben ist ein Labyrinth aus versetzten Spiegeln und verzerrten Bildern. Ein Tag mehr Warten, ein Tag weniger Hoffnung, ein Tag mehr Schweigen, ein Tag weniger Leben. Der Tod streicht frei durch diese Gänge, und meine Aufgabe ist es, ihn abzulenken, damit er deine Tür nicht findet.“

Das Schicksal ihrer Tochter wird für Isabel Allende zur schwersten Prüfung und führt auch dazu, die eigene Lebensweise zu überdenken: „Mit wilder Kraftanstrengung bin ich mein Leben lang flussaufwärts gerudert; ich bin müde, ich möchte umkehren, die Riemen fahrenlassen und zusehen, wie die Strömung mich sanft zum Meer trägt. Ich habe 49 Jahre in Hast verbracht, ständig in Aktion und im Kampf, hinter Zielen her, an die ich mich nicht mehr erinnere, etwas Namenloses verfolgend, das immer wieder weiter vor mir war. Jetzt bin ich gezwungen, stillzuhalten und zu schweigen: soviel ich auch renne, komme ich doch nirgendwohin, wenn ich schreie, hört mich niemand. Du hast mir Ruhe verschafft, damit ich meinen Weg durch diese Welt überprüfe, Paula, damit ich in die wirkliche Vergangenheit und in die imaginäre Vergangenheit zurückkehre, damit ich die Erinnerungen neu gewinne, die andere vergessen haben.“

Nach vielen Monaten im Koma, einer Zeit zwischen Bangen und Hoffen, stirbt Paula mit nur 28 Jahren an den Folgen der heimtückischen Stoffwechselkrankheit. „Die Reise durch den Schmerz endete in einer absoluten Leere“, schreibt Isabel Allende.

Das Magazin stern bezeichnet Allendes Werk als „Hymne an das Leben“ . Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Und die Worte zum Abschied ihrer Tochter machen das einmal mehr deutlich:  „Als ich mich auflöste, wurde mir die Offenbarung zuteil, dass diese Leere voll ist von allem, was das Universum enthält. Es ist nichts und ist gleichzeitig alles. Feierliches Licht und undurchdringliches Dunkel. Ich bin die Leere, ich bin alles, was existiert, ich bin in jedem Blatt des Waldes, in jedem Tautropfen, in jedem Aschestäubchen, das der Bach fortträgt, ich bin Paula und ich bin auch ich selbst, ich bin nichts und alles Übrige in diesem Leben und in anderen Leben, unsterblich.

Leb wohl, Paula, meine Tochter,

Sei gegrüßt, Paula, Geist.“

PS: Das Buch hat mich dazu inspiriert, ein Bild von Paula zu malen. So stelle ich sie mir als wunderschönen Geist vor.

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