Es lebe das Leben
Wann ist ein Leben gelungen, wann nicht? Wer entscheidet das? Wie kann man glücklich sein, wenn man kein Glück hat? Diese Fragen stellt sich der Protagonist Walter Wemut in Axel Hackes Buch „Wozu wir da sind“.
Eigentlich schreibt Wemut seit dreißig Jahren Nachrufe für eine Zeitung. „Die Toten der Woche“ heißt seine Rubrik und erscheint jeden Samstag im Blatt. Nun soll er für eine Freundin, die achtzig wird, eine Geburtstagsrede halten und etwas über „das gelungene Leben“ sagen.
Wemut nimmt uns mit in seine Gedankenwelt und beleuchtet die vielen Lebensentwürfe, die ihm begegnet sind. Was er auf sehr humorvolle und zum Nachdenken anregende Weise beschreibt, sind keine Erkenntnisse, die wir nicht selbst schon gewonnen hätten.
Eine steile Karriere, Erfolg oder Reichtum stehen nicht unbedingt für ein gelungenes Leben, denn sie sind kein Garant für Glück und Zufriedenheit. Ist ein Leben nicht beispielsweise gelungen, wenn ein Mensch, der unter Depressionen leidet, sich helfen lässt und diese Krise überwindet? Oder wenn Menschen, die zerstritten sind, wieder aufeinander zu gehen?
Was ist das gute Leben? fragt sich Wemut. Seine Antwort: Alles hängt davon ab, ob es zwischen der Welt und uns einen Draht gibt, der vibriert. Etwas zu finden, das einen berührt, packt, mitnimmt, ergreift und nicht gleichgültig lässt. Nicht fragen, was wir noch vom Leben zu erwarten haben, sondern vielmehr, was das Leben von uns erwartet.
Genieße im Leben, was Du hast und bekommst und versöhne dich mit dem, was du nicht bekommen kannst – das ist auch eine von Wemuts Erkenntnissen.
Eine Stelle im Buch hat mich besonders fasziniert: Der Soziologe Harmut Rosa sagt: „Das menschliche Begehren richtet sich immer auf das Unverfügbare, auf alles, was sich unserer Kontrolle entzieht. Wir haben immer danach getrachtet, die Welt unter unsere Kontrolle zu bekommen, und tun es weiter, mit dem Ergebnis, dass es am Ende nichts mehr geben könnte, was noch zu begehren wäre“.
Und Rosa zitiert eine sehr schöne Anekdote: Da wird der Pianist Igor Levit gefragt, ob es ihn nicht anöde, die Mondscheinsonate immer wieder zu spielen. Und Levit sagt, es sei eben ganz anders, je häufiger er sie spiele, desto mehr habe er das Gefühl, sie entziehe sich ihm, sie klinge jedes Mal anders, etwas darin bleibe für ihn unverfügbar. Er hoffe, nie an ein Ende zu kommen, denn: „Das macht mich glücklich.“
Sollte es ein Geheimnis für das misslungene Leben geben, so Wemut, dann habe das mit dem Schweigen zu tun, mit der Unfähigkeit zu sprechen, mit Rückzug, Kontaktverlust, Abgrenzung.
Wenn es um das gelungene Leben geht, sagt Wemut, dann ist es wohl das: Dass es einem gelingt, eine Zärtlichkeit gegenüber der Welt aufzubringen, die Welt zu lieben. Wir haben die Macht über unsere Mundwinkel – darüber wie wir anderen begegnen und wie sie uns begegnen. Und kommt es nicht darauf an, dass man anderen Menschen verbunden ist? Geht es nicht am Ende einzig und allein um unsere zwischenmenschlichen Beziehungen?
Das wurde mir neulich selbst sehr deutlich als ich mich nach einem Termin in einem fremden Ort verlaufen habe. Ich wollte zum Bahnhof. Mir kam eine Frau mit Kinderwagen entgegen und ich fragte sie, ob die Richtung stimme in der ich unterwegs sei. Sie sagte mir, dass es noch mindestens eine halbe Stunde Fußweg zum Bahnhof sei. „Aber warten Sie“, sagte sie zu mir. Mamina zückte sofort ihr Handy aus der Tasche, rief ihren Mann an, der mit dem Auto in der Nähe unterwegs war, um den kleinen Sohn von der Kita abzuholen. Und wenige Sekunden später kam Omar im Auto angefahren. „Steigen Sie ein, ich bringe Sie zum Bahnhof“, bot er mir an. Ich war so gerührt – sie kannten mich doch gar nicht. So viel Herzlichkeit hat mich überwältigt. Ich saß im Auto und mir schossen Tränen in die Augen. Omar sah das im Rückspiegel und sagte „Aber Madame, sie brauchen doch nicht zu weinen. Für uns ist das normal, anderen zu helfen. Dafür sind wir doch auf der Welt.“
Mamina und Omar kommen aus dem Senegal und leben erst seit ein paar Jahren in Deutschland und ich dachte: „Danke, dass diese Menschen mit ihrer liebevollen Art unsere Gesellschaft bereichern“. Und ich dachte natürlich auch an Walter Wemuts Worte: „Am Ende geht es doch einzig und allein um die zwischenmenschlichen Beziehungen, die unser Leben lebenswert machen.“
Eintauchen ins Leben und es in vollen Zügen genießen: Die Taucherin @isabel.leinhos