Wo Paulinchen und der Zappel-Philipp begraben sind

Kaum ein Ort spiegelt wohl so interessant die bewegte Geschichte der Stadt wider wie der 1828 angelegte Frankfurter Hauptfriedhof. Einmal im Jahr bietet das Grünflächenamt den Tag der Führungen an, so wie vergangenen Sonntag. Ein spannender Einblick in die Geschichte großer Frankfurter wie Franz Adickes, Heinrich Hoffmann oder Arthur Schopenhauer.

Fast alle Frankfurter kennen die Adickesallee. Doch vermutlich wissen die meisten nicht allzu viel über den Namensgeber, den großen Oberbürgermeister Franz Adickes, an den eine Ehrengrabstätte auf dem Frankfurter Hauptfriedhof erinnert.

Der 1846 in Harsefeld bei Hamburg geborene Adickes, der von 1891 bis 1912 Frankfurter OB war, hat aus der Provinzstadt Frankfurt eine echte Weltstadt gemacht. Er hat die Elendsviertel und Mietskasernen abgeschafft und gerade für die Arbeiterschaft für bessere Lebensbedingungen gesorgt. Adickes förderte den familiengerechten Siedlungsbau. Volksparks, Sport- und Spielplätze wurden in den dichtbesiedelten Stadtteilen als Erholungsstätten angelegt. Neue Ring- und Radialstraßen, befahren von öffentlichen Verkehrsmitteln, sorgten für eine gute Verkehrsverbindung zwischen Stadt und Außenbezirken. In Adickes Amtszeit fielen unter anderem die Gründung der Goethe-Universität und der Bau der Festhalle.

Zappel-Philipp und die zündelnde Pauline

„Paulinchen war allein zuhaus, die Eltern waren beide aus." Ich erinner mich noch genau an die Struwwelpeter-Geschichten: Paulinchen, die mit Streichhölzern spielt und sich dabei verbrennt ("es brennt die Hand, es brennt das Haar, es brennt das ganze Kind sogar"), dem Zappel-Philipp oder Hans-Guck-in-die-Luft. Autor der 1844 erfundenen schaurig-schönen Geschichten, war der Frankfurter Arzt und Psychotherapeut Heinrich Hoffmann. Noch heute stehen die Figuren Pate für kindliche Krankheitssymptome wie ADS und Hyper-Aktivität, vielfach auch Zappelphilipp-Syndrom bezeichnet.

Weniger bekannt ist hingegen, dass die Figuren des zappelnden Jungen und der zündelnden Pauline reale Vorbilder hatten: Ausgerechnet nach einem späteren Kollegen hat Hoffman seinen Zappel-Philipp benannt - nach dem Frankfurter Arzt Dr. Philipp Julius von Fabricius, dessen Grab genau wie das von Pauline und des Autors auf dem Hauptfriedhof liegt.

Philipp Julius von Fabricius wurde 1839 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater Friedrich Wilhelm Fabricius war ein Freund und Kollege Heinrich Hoffmanns. Gemeinsam arbeiteten beide in der so genannten Armenklinik, die Hoffmann mit vier anderen jungen Ärzten 1834 gegründet hatte und die mittellose Patienten in Frankfurt und den umliegenden Dörfern betreute. Die Beziehungen untereinander waren so eng, dass man sich auch in der Freizeit traf. Hoffmanns Sohn Carl war im gleichen Alter wie Fabricius‘ Sohn Philipp.

Ihr Kollege Dr. Adolf Schmidt wiederum hatte eine Tochter namens Pauline, die den angehenden Kinderbuchautor ebenfalls zu einer Geschichte inspirierte: Als Fünfjährige hatte sie angeblich mit Zündhölzern gespielt und dabei daheim die Gardinen abgefackelt. Anders als in der „gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug" kam Pauline Schmidt mit dem Schrecken davon. Allerdings starb sie zehn Jahre später an Tuberkulose.


Pudelfreund Arthur Schopenhauer lebte in der Schönen Aussicht

Anziehungspunkt für Verehrer aus der ganzen Welt ist auch das Grab des Philosophen Arthur Schopenhauer. Im ungeliebten Frankfurt galt der Philosoph als kurios und wurde stets „Schoppenhauer" genannt - auch noch auf dem Totenschein. Der unstete Geist wechselte mehrfach seine Wohnungen. Am längsten, ungefähr 16 Jahre, lebte Schopenhauer im Erdgeschoss des Hauses Nr. 17 in der Schönen Aussicht am Kopf der Alten Brücke am Main. Ein Streit mit dem Vermieter wegen seines angeblich „ekelerregenden Pudelhundes“ Atma zwang ihn jedoch zu einem Umzug ins Nachbarhaus. In der Schönen Aussicht 16 wohnte er nicht einmal mehr 15 Monate, doch gilt diese, seine letzte Stätte, als das eigentliche „Schopenhauer-Haus“. Nicht zuletzt, weil es das feudalere Wohnhaus war, ein Stadtpalais mit markantem Säulenvestibül und geschwungener Freitreppe. Auch heute steht an dieser Stelle noch ein Haus, wenngleich ein völlig anderes, von wenig angenehmer Statur. An dem trivialen Nachkriegsgebäude, das ein Restaurant mit dem Namen „Bistro Salvatore“ beherbergt, wurde eine einfach zu übersehende schwarze Inschrift angebracht, über dem Hauseingang, auf badezimmergrünen Mosaikfliesen. „Hier starb am 21. 9. 1860 Arthur Schopenhauer“, ist da zu lesen.

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