Warum ich Trauerrednerin geworden bin
„Bloß kein Brimborium“, forderte meine spanische Mutter noch zu Lebzeiten als es darum ging, wie sie beerdigt werden wollte. Wenn sie davon sprach, wechselten meine Schwester und ich schnell das Thema. Tod, Beerdigung, Trauer – das verdrängten wir so gut es ging. Als meine Mutter dann nach einem langen Krebsleiden mit 71 starb, war für uns die Vorstellung, am Grab so viele Hände zu schütteln und das „Beisammen sein danach”, beängstigend. Heute wissen wir, dass uns genau das beim Abschied nehmen geholfen hat. Wir haben uns gemeinsam mit Angehörigen, Freunden und Bekannten erinnert, gelacht, geweint und verstanden, dass wir diese kostbaren Erinnerungen an unsere Mutter mit ihrer unverwechselbaren Art in unseren Herzen tragen und mit unserem Schmerz nicht alleine waren.
Die Urne meiner Mutter wurde unter einem schlichten Holzkreuz begraben – so hatte sie sich das gewünscht. „Bitte alles schlicht halten auch die Ansprache des Pfarrers“, sagte sie noch Wochen vor ihrem Tod. Und so war die Trauerrede austauschbar und hat ihr einzigartiges Leben mit all den Facetten ihres Glücks und Leidens nicht wiedergegeben. Ich war enttäuscht und wusste zugleich, dass das nicht mehr korrigierbar war.
Aufgrund dieser Erfahrung haben wir uns bei meinem Vater, der vor zwei Jahren starb, weit mehr Gedanken gemacht. Er selbst hatte alles akribisch geplant und nichts dem Zufall überlassen. Wir empfinden große Dankbarkeit, dass wir unsere Eltern zuhause in ihrer vertrauten Umgebung verabschieden durften. Meinem Vater hatten wir seine geliebte Märklin-Eisenbahn vor seinem Bett aufgebaut. Daran hat er sich bis zuletzt erfreut. Für seine Abschiedsrede habe ich das Porträt über ihn geschrieben und hinterher erfahren, wie berührt alle davon waren. Auch Nachbarn, die zur Beerdigung kamen, hatten danach eine Vorstellung, was für ein bewegtes Leben mein Vater hatte.
Seither beschäftige ich mich immer wieder mit Abschied, Tod und Trauer und möchte darüber auch regelmäßig in meinem Blog schreiben. Der Wunsch, anderen Menschen in dieser schweren Zeit beizustehen und mit Worten die Einzigartigkeit des Verstorbenen zu beschreiben, ist für mich zu einer Herzensangelegenheit geworden. Es gibt Momente, da fällt es schwer Worte zu finden. Darum möchte ich der Trauer eine Stimme geben und mit Worten Lebensbilder zeichnen.